Edelgard Kussatz, Dr. Rainer Neubart, Gita Neumann und Andrea Peisker (v.l.n.r.) waren gefragte Gesprächspartner zum Thema "Humanes Sterben".

Forum Humanes Sterben
Sich ab und zu mit der eigenen Endlichkeit beschäftigen


22.10.2002

(Eisenhüttenstadt/jp) "Sehen Sie aus dem Fenster, und Sie haben Grund genug, sich mit den düsteren Dingen des Lebens auseinanderzusetzen." Mit diesen Worten begrüßte Andrea Peisker, Behinderten- und Seniorenbeauftragte in der Stadtverwaltung, am wolkenverhangenen Dienstagnachmittag die Teilnehmer des Forums "Humanes Sterben" im Festsaal des Krankenhauses. "Es gibt kein Leben ohne den Tod, und alle wünschen sich einen schönen Tod ohne langes Leiden. Heute werden wir uns damit beschäftigen, wie man diese unabwendbare Stunde bewältigen kann", fügte sie hinzu. Als kompetente Gesprächspartner hatte sie zu diesem noch mit vielen Tabus belegten Thema Edelgard Kussatz, Pflegedienstleiterin des Regine-Hildebrandt-Hauses Frankfurt (Oder), Gita Neumann, Bundesbeauftragte für Patientenverfügungen, Hospiz und Humanes Sterben des Humanistischen Verbandes Deutschlands und Dr. med. Rainer Neubart, Chefarzt der Geriatrischen Klinik im Evangelischen Krankenhaus Woltersdorf GmbH eingeladen.
Edelgard Kussatz berichtete über die Aufgabe ihres Hauses, den sterbenden Menschen auf seinem letzten Weg zu begleiten und den Angehörigen die Angst vor dem Umgang mit dem Sterbenden zu nehmen. "Sterben ist Leben vor dem Tod", erklärte sie, "und zur aktiven Sterbehilfe gehört Fürsorge und eine Behandlung der Symptome durch ein Team aus Schwestern, Pflegern, Fach- und Hausärzten sowie Schmerz- und Physiotherapeuten." Das Ziel sollte sein, das Leben zu Hause in gewohnter Umgebung und im Kreis der Familie zu beenden und dem Sterbenden eine Befriedigung seiner letzten Bedürfnisse wie Linderung von Schmerzen, Beherrschung der Ausscheidungsprozesse und das Streben nach Sicherheit zu ermöglichen. Neben einer guten Versorgung bis in die letzte Minute hinein gebühren dem vom Leben Abschied nehmenden Zuwendung, Achtung und Anerkennung. Man soll seine Sorgen teilen und auch Gefühle zeigen, Schmerzen ertragen helfen und den Tagesablauf nach ihm einrichten sowie ihm beim Ordnen der letzten Dinge behilflich sein. Auf keinen Fall sollte die Körperpflege vernachlässigt werden, aber auch die Pflege der Frisur und Wünsche nach Kosmetik sind beim Sterbenden vorhanden. Dabei können nicht nur Angehörige, sondern auch Freunde und gute Bekannte eine wichtige Rolle spielen. Auch ihnen steht das Hospiz zur Seite, wenn es um Hilfe und Aufklärung geht.
Der bürokratischen Seite des Sterbens wandte sich Gita Neumann zu. Im Mittelpunkt ihres Vortrages standen Patien- tenverfügungen und Vorsorgevollmachten und die Frage: "Was ist, wenn ich meine Dinge nicht mehr selbst regeln kann?"
Diese Regelungen sind insbesondere dann von Bedeutung, wenn der Patient in eine Situation gerät, in der er nicht mehr in der Lage ist, ihn betreffende Entscheidungen wie beispielsweise die Zustimmung oder Ablehnung ärztlicher Behand- lung logisch und richtig zu treffen. " Viele haben die Vorstellung, es machen dann die Angehörigen", so Gita Neumann, "das ist rechtlich aber falsch. Wenn keine Verfügung oder Vollmacht vorliegt, gilt das Betreuungsrecht (Vormundschaft) und die betreffende Person bekommt über das Vormundschaftsgericht einen professionellen Betreuer zugewiesen, der die rechtliche Vertretung übernimmt. Wenn man sich in der Familie nicht auf eine Person festlegen kann oder will, können auch mehrere beauftragt werden, am besten gleich mit einer genauen Festlegung der Kompetenzen." Für Pati- entenverfügungen und Vorsorgevollmachten besteht Formfreiheit, das heißt, man ist nicht an Vorgaben oder Formulare gebunden. Es ist jedoch ratsam, Patientenverfügungen auch mit dem behandelnden Arzt zu besprechen und das Vorhandensein einer solchen beim Humanistischen Bund, der gegenwärtig eine diesbezügliche Datenbank aufbaut, anzuzeigen. Im Notfall, zum Beispiel bei fortgeschrittenem Alzheimer oder im Fall eines Komas sind Ärzte angehalten, sich dort über das Vorhandensein einer solchen Verfügung zu informieren. "Es ist aber auch schon gut, einen Zettel mit dem Hinweis auf eine Patientenverfügung bei sich zu tragen", schloss Gita Neumann ihren Vortrag ab.
Nachdem er sich von der großen Anzahl der Besucher des Forums überrascht gezeigt hatte, beschäftigte sich Dr. Rainer Neubart mit dem medizinischen Anspruch und ethischen Grenzen der Lebensverlängerung. "Oftmals", so Dr. Neubart, "haben Angehörige eine größere Angst vor dem Tod als der Sterbende selbst. Ich sage "nein" zu einer Lebensverlängerung um jeden Preis und "ja" zu einer hohen Lebensqualität um jeden Preis." Gerade in der Geriatrie hat es die Medizin mit einem Komplex von Krankheiten zu tun und irgendwann tritt ein Grad einer Krankheit ein, der unweigerlich zum Sterben führt. Als hinderlich zeigt sich hier, dass selbst viele Mediziner schlecht auf diese Frage vorbereitet sind und versuchen, das Problem wegzudrücken. Sie sind zwar hervorragende Experten in ihrer Fach- richtung, aber sie haben nicht studiert, was zu tun ist, wenn der Patient an das Ende seines Lebens kommt. Die moderne Medizin ist in der Lage, diese Situation schmerzarm und erträglich zu gestalten. Beim sterbenden Menschen gibt es andere Behandlungsziele, aber ein Arzt sollte auch in dieser Lebenslage für ihn da sein, ihn führen, ihm Halt geben und ihm die Wahrheit über seinen Zustand sagen, sofern er es wissen will.
"Jeder Mensch hat Angst vor dem Sterben", schloss Dr. Neubart ab, "und ein jeder sollte sich ab und zu mit seiner eigenen Endlichkeit beschäftigen."