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(Eisenhüttenstadt/jp)
"Sehen Sie aus dem Fenster, und Sie haben Grund genug, sich mit den
düsteren Dingen des Lebens auseinanderzusetzen." Mit diesen Worten
begrüßte Andrea Peisker, Behinderten- und Seniorenbeauftragte in der
Stadtverwaltung, am wolkenverhangenen Dienstagnachmittag die Teilnehmer
des Forums "Humanes Sterben" im Festsaal des Krankenhauses.
"Es gibt kein Leben ohne den Tod, und alle wünschen sich einen schönen
Tod ohne langes Leiden. Heute werden wir uns damit beschäftigen, wie
man diese unabwendbare Stunde bewältigen kann", fügte sie hinzu.
Als kompetente Gesprächspartner hatte sie zu diesem noch mit vielen
Tabus belegten Thema Edelgard Kussatz, Pflegedienstleiterin des
Regine-Hildebrandt-Hauses Frankfurt (Oder), Gita Neumann,
Bundesbeauftragte für Patientenverfügungen, Hospiz und Humanes Sterben
des Humanistischen Verbandes Deutschlands und Dr. med. Rainer Neubart,
Chefarzt der Geriatrischen Klinik im Evangelischen Krankenhaus
Woltersdorf GmbH eingeladen.
Edelgard Kussatz berichtete über die Aufgabe
ihres Hauses, den sterbenden Menschen auf seinem letzten Weg zu
begleiten und den Angehörigen die Angst vor dem Umgang mit dem
Sterbenden zu nehmen. "Sterben ist Leben vor dem Tod", erklärte
sie, "und zur aktiven Sterbehilfe gehört Fürsorge und eine
Behandlung der Symptome durch ein Team aus Schwestern, Pflegern, Fach-
und Hausärzten sowie Schmerz- und Physiotherapeuten." Das Ziel
sollte sein, das Leben zu Hause in gewohnter Umgebung und im Kreis der
Familie zu beenden und dem Sterbenden eine Befriedigung seiner letzten
Bedürfnisse wie Linderung von Schmerzen, Beherrschung der
Ausscheidungsprozesse und das Streben nach Sicherheit zu ermöglichen.
Neben einer guten Versorgung bis in die letzte Minute hinein gebühren
dem vom Leben Abschied nehmenden Zuwendung, Achtung und Anerkennung. Man
soll seine Sorgen teilen und auch Gefühle zeigen, Schmerzen ertragen
helfen und den Tagesablauf nach ihm einrichten sowie ihm beim Ordnen der
letzten Dinge behilflich sein. Auf keinen Fall sollte die Körperpflege
vernachlässigt werden, aber auch die Pflege der Frisur und Wünsche
nach Kosmetik sind beim Sterbenden vorhanden. Dabei können nicht nur
Angehörige, sondern auch Freunde und gute Bekannte eine wichtige Rolle
spielen. Auch ihnen steht das Hospiz zur Seite, wenn es um Hilfe und
Aufklärung geht.
Der bürokratischen Seite des Sterbens wandte sich
Gita Neumann zu. Im Mittelpunkt ihres Vortrages standen Patien- tenverfügungen
und Vorsorgevollmachten und die Frage: "Was ist, wenn ich meine
Dinge nicht mehr selbst regeln kann?"
Diese Regelungen sind insbesondere dann von Bedeutung, wenn der Patient
in eine Situation gerät, in der er nicht mehr in der Lage ist, ihn
betreffende Entscheidungen wie beispielsweise die Zustimmung oder
Ablehnung ärztlicher Behand- lung logisch und richtig zu treffen.
" Viele haben die Vorstellung, es machen dann
die Angehörigen", so Gita Neumann, "das ist rechtlich aber
falsch. Wenn keine Verfügung oder Vollmacht vorliegt, gilt das
Betreuungsrecht (Vormundschaft) und die betreffende Person bekommt über
das Vormundschaftsgericht einen professionellen Betreuer zugewiesen, der
die rechtliche Vertretung übernimmt. Wenn man sich in der Familie nicht
auf eine Person festlegen kann oder will, können auch mehrere
beauftragt werden, am besten gleich mit einer genauen Festlegung der
Kompetenzen." Für Pati- entenverfügungen und Vorsorgevollmachten
besteht Formfreiheit, das heißt, man ist nicht an Vorgaben oder
Formulare gebunden. Es ist jedoch ratsam, Patientenverfügungen auch mit
dem behandelnden Arzt zu besprechen und das Vorhandensein einer solchen
beim Humanistischen Bund, der gegenwärtig eine diesbezügliche
Datenbank aufbaut, anzuzeigen. Im Notfall, zum Beispiel bei
fortgeschrittenem Alzheimer oder im Fall eines Komas sind Ärzte
angehalten, sich dort über das Vorhandensein einer solchen Verfügung
zu informieren. "Es ist aber auch schon gut, einen Zettel mit dem
Hinweis auf eine Patientenverfügung bei sich zu tragen", schloss
Gita Neumann ihren Vortrag ab.
Nachdem er sich von der großen Anzahl der
Besucher des Forums überrascht gezeigt hatte, beschäftigte sich Dr.
Rainer Neubart mit dem medizinischen Anspruch und ethischen Grenzen der
Lebensverlängerung. "Oftmals", so Dr. Neubart, "haben
Angehörige eine größere Angst vor dem Tod als der Sterbende selbst.
Ich sage "nein" zu einer Lebensverlängerung um jeden Preis
und "ja" zu einer hohen Lebensqualität um jeden Preis."
Gerade in der Geriatrie hat es die Medizin mit einem Komplex von
Krankheiten zu tun und irgendwann tritt ein Grad einer Krankheit ein,
der unweigerlich zum Sterben führt. Als hinderlich zeigt sich hier,
dass selbst viele Mediziner schlecht auf diese Frage vorbereitet sind
und versuchen, das Problem wegzudrücken. Sie sind zwar hervorragende
Experten in ihrer Fach- richtung, aber sie haben nicht studiert, was zu
tun ist, wenn der Patient an das Ende seines Lebens kommt. Die moderne
Medizin ist in der Lage, diese Situation schmerzarm und erträglich zu
gestalten. Beim sterbenden Menschen gibt es andere Behandlungsziele,
aber ein Arzt sollte auch in dieser Lebenslage für ihn da sein, ihn führen,
ihm Halt geben und ihm die Wahrheit über seinen Zustand sagen, sofern
er es wissen will.
"Jeder Mensch hat Angst vor dem
Sterben", schloss Dr. Neubart ab, "und ein jeder sollte sich
ab und zu mit seiner eigenen Endlichkeit beschäftigen." |